Sensitive Short Stories | Episode 10
Gustav und der höhenverstellbare Schreibtisch
by Marit Spitz
Gustav war Buchhalter in Vollzeit bei einer mittelgroßen Firma. Er machte jede Woche seine vertraglich vereinbarten 42 Stunden.
Obwohl er es all die Jahre liebte zu sitzen, konnte er es seit Kurzem nicht mehr länger als eine halbe Stunde aushalten. Immer öfter bekam er höllische Rückenschmerzen. Es begann mit einem Ziehen in den Leisten und setzte sich in der Nierengegend fort. Manchmal wurde alles hart und heiß und manchmal war ihm so schlecht, dass er aufstand und sich auf dem Klo übergab.
Seit der Eröffnung einer neuen Filiale machte er eine Menge Überstunden. Aus Budgetgründen hatte die Firma keinen anderen Buchhalter einstellen wollen. Seine Aufgabenliste erweiterte sich täglich und er hatte das Gefühl, er würde niemals etwas davon abarbeiten. Und dann noch dieser Jahresabschluss. Zu behaupten, er sei ausgelaugt, wäre eine Untertreibung gewesen.
Gustav war es leid. Zugegeben, er wollte eine Gehaltserhöhung bei erhöhtem Arbeitsaufkommen. Und er wollte wegen seines Rückens einen höhenverstellbaren Schreibtisch.
Als er bei seinem Chef zum Jahresgespräch saß, äußerte er diesen Wunsch.
Er brauche eine andere Art zu arbeiten. Er liebe die Arbeit und er liebe die Firma. Aber er brauche eine andere Art Schreibtisch.
Und sein Chef sah ihn an und meinte wohlwollend: „Ja, darum kümmern wir uns.“
Daraufhin machte Gustav sich keine Gedanken mehr. Sobald der höhenverstellbare Schreibtisch eintreffen würde, würden seine Schübe ein Ende haben. Er würde im Stehen arbeiten können und seine Bandscheiben würden sich erholen. Rückenschmerzen adé.
Doch als er in den nächsten Wochen die Arbeit antrat, stand dort der gleiche alte, heruntergekommene Tisch. Woche um Woche verging und es war kein höhenverstellbarer Schreibtisch in Sicht.
Es vergingen sagenhafte weitere zwei Monate.
Der Jahresabschluss war geschafft, aber Gustavs Beschwerden wurden immer stärker und dauerten immer länger an. Er überlegte sogar, sich ein Attest vom Arzt zu holen. Er hatte so viele Überstunden gesammelt, dass es für eine Auszeit von sechs Wochen reichen würde. Wortwörtlich hatte er sich reingekniet.
Gerade war er dabei, seine Kreditorenliste zu aktualisieren, als eine neue E-Mail aufpoppte. Sie war von Frau Glocke, der Sekretärin.
Lieber Herr Wichtel,
ich habe nun Nachricht von der Geschäftsführung. Bald ist ein Umbau des Büros geplant. Im Zuge dessen hat die Geschäftsführung vorgesehen, zeitgleich einen Umbau der Büroarbeitsplätze durchzuführen. Ich hoffe, das sind tolle Neuigkeiten für Sie.
Haben Sie ein schönes Wochenende,
Frau Glocke
–
Sekretariat
Viele Floskeln für wenig Nachricht. Aber so war das ja häufig mit E-Mails.
Nach dem Umbau sollte es also passieren. Das waren in der Tat erfreuliche Neuigkeiten. Gustav konnte es nicht abwarten, bis der Umbau vonstattengehen würde und er am neuen höhenverstellbaren Schreibtisch Platz nehmen könne.
In der darauffolgenden Woche war Gustav kurz in der neuen Filiale eingesetzt. Dort saß er nun auf dem Bürostuhl eines Kollegen. Seit sechs Stunden. Und bald würde er einen Bandscheibenvorfall haben. Da war er sich sicher.
Dieser Stuhl passte keineswegs von der Höhe, obwohl man ihn verstellen konnte – selbstverständlich, welcher Bürostuhl konnte das nicht, sich verstellen lassen – aber der Schreibtisch ließ sich nicht höhenverstellen. Ihm wurde fast schwarz vor Augen, so schlecht war ihm.
Er stolperte kurzerhand auf die Toilette und stützte sich am Waschbecken ab. Der Schmerz in der Nierengegend war unerträglich.
Die Chefin aus der Filiale kam herein und erschreckte sich: „Sie sind auf der Frauentoilette, Herr Wichtel!“
Und er stieß schweißgebadet hervor: „Mir geht es nicht gut, ich gehe früher heim. Auf Wiedersehen.“
Drei Wochen später hatte Gustav ein Gespräch zur Vertragsverlängerung und erhielt die Kündigung.
Aufgrund personeller Umstrukturierungen habe man ihn entlassen müssen. Es sei nicht anders zu lösen gewesen und man wisse, dass es ein schlechtes Timing sei. Die Firma danke ihm für seinen treuen Dienst und wünsche ihm für seine Zukunft alles Gute.
Gustav lief einfach nach draußen. Was der Chef ihm noch hinterherrief, hörte er schon nicht mehr.
Schlechtes Timing, dachte sich Gustav. Die können mich mal. Wofür mache ich diesen Scheiß eigentlich? Das Einzige, was schlechtes Timing ist, sind meine Rückenschmerzen.
So verließ Gustav die Firma – froh, nie wieder an einem nicht höhenverstellbaren Schreibtisch sitzen zu müssen.