Interview

“Kommunikation ist alles”

Julian und Luise, beide 21 Jahre alt, leben in einer 4er-WG im Bezirk Charlottenburg in Berlin. Sie sind, wie ihre Mitbewohner, Studenten. Im Gespräch erzählen sie von WG-Castings, harmonischem Zusammenleben und dem Umgang mit peinlichen Situationen.

Warum habt ihr euch entschieden in einer WG zu wohnen?
Luise: Ich kann so alleine leben überhaupt nicht. Viel Zeit mit mir alleine verbringen, das ist nichts für mich. Wenn man alleine wohnen will, muss man davor so richtig im Reinen mit sich sein, denke ich. Und weil es günstiger ist in einer WG zu leben.
Julian: Ich kann mir schon vorstellen irgendwann mal alleine zu wohnen, einfach der Erfahrung wegen. Das stell ich mir cool vor, es ist alles dein Zeug und deine Verantwortung. Ich kann schon gut für mich sein, aber momentan möchte ich Verbindungen zu anderen Menschen haben. Gerade als ich aus München hergezogen bin war es wichtig für mich in eine WG zu kommen, weil das der erste Schritt ist um neue Leute kennenzulernen. Geld ist auch eine wichtige Sache, aber nicht entscheidend gewesen.

Ihr wohnt bereits zwei Jahre in dieser Konstellation. Wie lief das WG-Casting
damals ab?
J: Wir haben das aufgeteilt, ich und Philip (27) waren in der Position die WG quasi neuzugründen. Philip machte die formellen Dinge wie Kosten und Mietverhältnis und ich habe den Part „WG-Leben“ gemacht, also wie wir uns das Ganze vorstellen und
dann wie die Bewerber es sich wünschen. Es war ziemlich entspannt, wir haben es immer recht locker gehalten, hatten demjenigen Wein oder Bier angeboten. Zunächst haben wir die Wohnung gezeigt und uns dann hingesetzt und einfach
drauflosgeredet. Wir wollten wissen, wer die Person ist, was sie macht und welche Ansprüche sie hat. Wir haben uns auch extra Zeit gelassen und es nicht so eng getaktet, sodass wir, wenn es sehr gut läuft, auch eine Stunde locker machen
konnten. Uns war wichtig, weniger dieses „Casting“-Casting zu machen, sondern eher das Kennenlernen in den Fokus zu stellen, ob man eben zusammenpasst.

Du hast gerade das Wort Ansprüche genannt. Worauf achtet ihr bei Bewerbern,
habt ihr bestimmte Kriterien?
J: Wir hatten nicht explizit nach Zweck-WGs gesucht, sondern immer zuerst darauf geguckt, ob die Bewerbung sich nice anhörte und sympathisch war. Wir hatten zwei Stufen. Einmal nach den geschriebenen Bewerbungen zu gehen und im Anschluss die persönliche Einladung zu einem Kennenlernen. Entschieden haben wir vor allem nach Sympathie. Außerdem wollten wir auf jeden Fall eine gemischte WG haben.
L: Vor allem sollte es jemand sein, der sauber ist. Als ich eingezogen bin, war es noch räudiger als jetzt. Wir hatten viel Kram rumstehen gehabt, den eigentlich keiner gebraucht hat. Julian meinte bei meinem Casting, dass sie eine vierte Mitbewohnerin
suchen, die gut zur Gruppe passt.
J: Das stimmt, auf die Harmonie habe ich sehr geachtet. Klar wollten wir bei Ordentlichkeit und Sauberkeit auch jemanden haben, der gut in unser Level passt. Hat man ganz große Unterschiede diesbezüglich, ist es sauschwierig, weil es ein großer Konfliktpunkt ist.

Wie erreicht man denn ein harmonisches Zusammenleben?
J: Durch sehr viel Kommunikation. Bedürfnisse akzeptieren und tolerieren und zu verstehen. Nicht immer alles in Frage stellen was andere sagen, sondern akzeptieren, auch wenn man es selber nicht nachvollziehen kann. Man sollte ganz viel aufeinander achten und respektvoll sein, deswegen aber keineswegs seine eigenen Bedürfnisse untergraben. Je nachdem wie close man ist, gibt es halt Einschränkungen in der Privatsphäre. Man wohnt eben nicht alleine, gestaltet das harmonische Zusammenleben aktiv mit und ist verantwortlich für sich und andere.

Auf dem WG-Markt in Berlin gibt es viel Konkurrenz. Wie gestaltet sich die
Suche nach einem passenden Mitbewohner?
J: Ich glaube nicht, dass es so schwierig ist. Das Angebot ist so viel niedriger als die Nachfrage, eigentlich musst du die Anzeige nur einmal online stellen und nach zwei Stunden wieder runternehmen. Bei hundert Anfragen ist die Statistik ganz gut, dass
da jemand dabei ist, der passt. Im Text kann man schon gut kommunizieren, authentisch sein, damit sich keine Missverständnisse oder falsche Hoffnungen ergeben. Wenn wir es uns nicht vorstellen konnten mit einem Bewerber, haben wir das gleich klar geschrieben.
L: Was für ein Hustle wäre das auch geworden 15 Bewerber einzuladen!
J: Weil man ganz viel Zeit braucht um all diese Termine wahrzunehmen haben wir das in Runden gemacht. Man lädt ein paar Leute ein und wenn da nichts dabei ist nochmal ein paar. Das lief recht easy.

Wie würdet ihr eure Erfahrungen mit dem WG-Casting beschreiben?
J: Ein paar lustige Erfahrungen haben wir schon gemacht. Die waren im Nachhinein natürlich etwas unangenehm für die Person, weil wir ein bisschen lost waren.
L: Wir hatten zwei Gespräche an dem Tag. Mit der ersten Bewerberin, Pauline, ist es mega gut gelaufen, sie war sehr sympathisch. Dann haben wir uns aber mit ihr etwas besoffen im Laufe des Gesprächs, am Ende zwei Flaschen Wein intus und waren in so einem komisch lustigen Modus. Leonie, unsere zweite Bewerberin, sollte allerdings gleich im Anschluss eintreffen. Heißt, wir mussten uns wieder normal verhalten. Wir haben gesagt jetzt beruhigen sich mal alle wieder und uns das Profil
nochmal durchgelesen. Als sie dann die Tür geöffnet hat, habe ich ganz freundlich gesagt: „Hallo, ich bin Leonie“. Leonie hat es gar nicht gecheckt, sie wusste nicht wie sie reagieren sollte, kannte uns ja noch nicht. Ist gerade angekommen. Das war
schon echt peinlich.
J: Vor allem weil Philip und ich so einen Lachkrampf bekommen haben. Denke das war dann auch ein guter Eisbrecher. Am Ende hat es ja dann doch geklappt.