Sensitive Short Stories | Episode 9

Hautnah. oder. Sonnenuntergang

by Marit Spitz

„Okay, weißt du was, du entscheidest, wie der Abend noch verlaufen wird“, hatte er gesagt und den Zigarettenrauch in die kalte Nachtluft ausgeblasen.

Und das Szenario, das sich ab dieser Sekunde in ihrem Kopf abgespielt hatte, war glasklar und lebendig gewesen.

„Mhmm.“ Pause. Ein kaum merkliches Lächeln trat auf ihre Lippen.

„Das ist ein bisschen gefährlich“, flüsterte sie. „Du weißt offensichtlich nicht, dass ich dich unglaublich gern küssen würde.“ Und drehte ihren Kopf zu ihm. Ein Kribbeln durchlief ihre Hände.

Er grinste. „Du lügst.“

Sie nahm noch einen Zug und schaute weg. „Nein, tu ich nicht.“

„Aber warum?“ Er nahm noch einen Zug.

Sie schwieg. „Ja, warum. Weil du einfach die coolste und lustigste und attraktivste Person bist, den ich kenne. Weil du du bist. Ganz einfach. Weil man sich immer freut dich zu sehen. Weil ich dich lieb, irgendwie.“ Sie lachte, weil es komisch war, dass sie das einfach aussprechen konnte. Der Alkohol machte sie wohl mitteilsam.

Sie nahm den letzten Zug und trat die Zigarette aus. Dann schaute sie auf seine von der Kälte geröteten Hände, dann zu seiner Schulter und dann zu seinem vollen Mund und dann in seine dunklen mahagonifarbenen Augen.

Er sah sie an und sagte nichts. Küss mich doch einfach.

Sie schaute ihn an und sagte nichts. Küss mich doch einfach. Sie griff in die Schachtel und holte noch eine Zigarette raus.

Er zückte das Feuerzeug. „Du entscheidest immer noch.“

Sie nahm einen Zug. „Noch eine Flasche Prosecco? Auf deinen Nacken?“

Er nahm einen Zug, lachte wieder und nickte. „Auf meinen Nacken.“

Als sie im Restaurant die zweite Flasche öffneten und eine Anekdote nach der anderen den Raum erfüllte und sie beide sich vor Lachen auf den Stühlen nicht mehr halten konnten; als sie sich beim Trinken so sehr am Sekt verschluckte, dass sie ihn versehentlich durch ihre vorgehaltene Hand hindurch anspucken musste, er einen Witz riss mit „also anspucken ist mir bisher aber noch nicht passiert“, und sie einfach weiterlachten; machte sich im Universum jemand Notizen. Wer hat schon Mut, wenn er Alkohol hat?

Er hielt seine Hand in die Höhe. Sie fuhr in seine Finger und sie hielten sich fest und lachten.

„Du verpasst noch das 8-Gang-Menü! Du bist doch eingeladen. Willst du Felix nicht Bescheid geben?“, fragte sie und ließ los.

„Ich bin zwar eingeladen, aber ich würde viel lieber noch mit dir hier sitzen und eine saugute Zeit haben. Scheiß auf die Einladung, wirklich.“

Sie grinste.

„Ganz ehrlich. Er hat noch nicht mal angerufen und nachgefragt.“ Er trank von seinem Sektglas. „Sein Pech.“

Sie sah auf ihre Hand, die mit ihrem Sektglas spielte. „Weißt du, wenn du nicht vergeben wärst, hätte ich dich schon längst geküsst. Und nicht nur einmal.“ Sie sah vom Tisch auf in seine Mahagoni-Augen. Dann trank sie von ihrem Sektglas.

Er sah sie an und sagte nichts. Ich auch.

Später, als sie zusammen im Taxi saßen und sie beide froren, fragte sie: „Willst du rüber rutschen?“

„Ja, unbedingt!“ Er legte seine Hand auf ihr Knie und sie kuschelte sich während der restlichen Fahrt in seinen Mantel.

Da begann die Vorstellung allmählich zu verblassen. Das Szenario schwand dahin wie ein beginnender Sonnenuntergang. Nach und nach – von hell auf orange und von orange auf pink und von pink auf dunkellila und von dunkellila auf dunkelblau – und dann endgültig. Von dunkelblau auf schwarz.

Ein Hauch von seinem Geruch blieb in der Luft hängen, wie wenn jemand, der Parfum trägt, an einem vorbeiläuft. Wenn einem der Duft gefällt, dreht man sich unweigerlich um. Ein Hauch von seinem Lachen, von seiner Festigkeit, seinem unerschütterlichen Selbstvertrauen blieb in der Luft. Ein Hauch von dem, was hätte sein können, wenn sie sich damals anders entschieden hätten. Ein Hauch eines untergehenden Sonnenstrahls.

Wie kann man nur so knapp am Schicksal vorbeileben? Wie kann man es so verfehlen? Wie kann man nur so handeln, dass genau die Dinge nicht eintreffen, die wir uns so sehr wünschen? Wie kann man nur später, wenn man alt ist, sich an Dinge erinnern, die so knapp so gut hätten werden können?

Und als sie im Bett lag, schwor sie sich, sollte sie jemals wieder so jemanden wie ihn treffen, sie würde ihn festhalten. Sollte sie jemals die Gelegenheit haben, sie würde ihn küssen – so oft sie das Verlangen spürte; ihm sagen, sie könne sich nichts Besseres vorstellen, als mit ihm das Leben zu teilen. Solange es ging, würde sie ihn lieben, ja. Sie würde ihn festhalten. Sie würde alles versuchen. Von schwarz auf dunkelblau und von dunkelblau auf dunkellila und von dunkellila auf pink und von pink auf orange.

Denn das Gute an Sonnenuntergängen und Gelegenheiten war, dass sie immer wieder kamen.