Sensitive Short Stories | Episode 8
Die letzte Affäre
by Marit Spitz
Schwungvoll stellte er ihr eine Flasche roten Gérard-Bertrand hin, versehen mit einem kleinen Zettel. Als sie von ihrem Laptop in seine Augen aufblickte, grinste er und schritt von dannen. Ihr Blick glitt über seinen Rücken auf seinen trainierten Hintern, verpackt in blauen Jeans. Sie las den Zettel. Heute Abend, 20 Uhr bei mir, vorglühen im Mulholland. Ihre Lippen kräuselten sich. Unfassbar. Es war wieder mal ihr Lieblingsrotwein, aus dem französischen Languedoc-Roussillon. Mit großen schwarzen serifenreichen Buchstaben war der Name des Weins erkennbar. La Clape für 39 Euro. Es war bereits die siebte Flasche, die sie von ihm bekam.
Während sie ausgiebig das Etikett betrachtete, fragte sie sich: War es das jetzt? War das die klassische Büroaffäre, die sie sich immer vorgestellt hatte und in den letzten Monaten scheinbar erfolgreich manifestieren konnte?
Adrian war erst seit gut vier Monaten in der Firma, aber in den ersten Tagen, in denen sie zusammenarbeiteten, war bereits klar, dass sich früher oder später eine sexuelle Bindung zwischen ihnen ergeben würde. Er war frisch in die Stadt gezogen, hatte eine schöne 3-Zimmer-Wohnung nahe der Alster bekommen und einen Fünf-Jahres-Vertrag. Er würde nach acht Monaten Einarbeitung die Rolle des Consultant Manager im Team übernehmen und schob daher oft Überstunden. Wie passend, dass sie beide zeitgleich in dasselbe Projekt involviert waren.
Als sie sich später im Mulholland, ihrer beiden Lieblingsbar, gegenübersaßen und an ihren Cocktails schlürften und sich gegenseitig angrinsten und Anekdoten aus ihrem Leben und der Arbeit erzählten, kam in ihr das Gefühl auf, dass dies fast zu schön war, um wahr zu sein.
Wenn sie daran dachte, wie ihre beschauliche Affäre begonnen hatte, wie sie mehrmals zusammen Überstunden schieben mussten und dann in Überlaune den Sekt aus dem Weinfach geleert hatten. Wie sie sich am Wochenende im Park über den Weg gelaufen waren und kurzerhand zusammen frühstückten und noch einen Absacker bei ihr machten. Wie sie bei einem Konzert zufällig in derselben Reihe gestanden hatten. Und wie sie sich auf einer Einweihungsfeier von Adrians Freunden nochmals privat begegnet waren.
Sie hatte gelacht, was für eine Überraschung! Gleichfalls, hatte er grinsend gemeint. Bist du über Alina hier? Sie: Ja. Er: Wollen wir uns auf den Balkon stellen und ein bisschen rauchen? Und nach einer kurzen Pause hatte sie schelmisch gesagt: Unbedingt.
Einerseits waren die verlängerten Abende im Büro, die in langen Konversationen endeten und dann unterbrochen wurden von spontanem Sex, purer Spaß und Aufregung. Ein verbotener Reiz und die Tatsache, dass es nun mal etwas war, was nur sie beide teilten und niemand sonst, machten es zu einem besonderen Erlebnis.
Andererseits wurden auch diese Abende und vor allem die Nächte danach mit jedem Mal ein Stück gewöhnlicher. Manchmal vergingen Wochen, in denen sie sich gar nicht sahen, in denen niemand den ersten Schritt unternahm. Und dann stellte ihr Adrian wieder eine Flasche Wein hin und das bedeutete meistens, dass ihre Affäre wieder neuen Schwung aufnahm.
Wenn Dinge zu schön sind, um wahr zu sein, endeten sie meistens genauso schnell wie sie angefangen hatten. Das hatte ihre letzte Beziehung bestätigt. Und das war nun fünf Jahre her. Dass sie mittlerweile eher geneigt war, die Affäre mit Adrian am Laufen zu halten, als sich in einen neuen Mann zu verlieben und mit ihm eine ernsthafte Bindung aufzubauen, erschreckte sie. Niemals hätte sie gedacht, dass sie für eine konstante beziehungsähnliche Bindung gemacht war. Dass sie, obwohl sie sich momentan in ihrem Leben so frei wie noch nie fühlte, lieber bei dieser halbherzigen Option blieb und sich immer wieder von dem kleinen Kuchen der Liebe bediente, als es woanders wirklich zu probieren.
Der Abend endete wie so oft bei Adrian, in seiner schönen 3-Zimmer-Wohnung an der Alster. Als sie sich mal wieder eine Zigarette teilten auf dem kleinen Balkon, während im Hintergrund Mackjunt ertönte, sagte sie: Adrian, ich glaube unsere Affäre wird nicht mehr lange gehen.
Er schaute sie von der Seite an. Was veranlasst dich, das zu sagen? Sie nahm noch einen Zug und sagte: Ich denke, ich weiß es einfach. Dann drehte sie den Kopf und blickte ihm in die Augen. Und ihr stummer trauriger Blick verriet, dass dies der letzte Abend sein wird, an dem sie sich beide privat sahen.
Adrian verzog die Lippen, blickte nach unten und atmete stoßartig aus. Er fuhr sich durch die Haare, schaute nochmal zu ihr, lächelte und nickte.